Kanzlei

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04
2015

Leitfaden für Versicherungsregulierungen

Taktisches Verhalten für Verbraucher gegenüber einer Versicherung im Schadensfall

Versicherungen haben bei der Abwicklung eines Schadensfalles dem Verbraucher eines voraus: sie sind taktisch und psychologisch darin geschult, eine Schadensregulierung vorzunehmen, die der Versicherung so wenige Kosten wie nur möglich verursacht. 

Der Verbraucher - aufgrund des erlittenen Schadens ohnehin beeinträchtigt und auf Hilfe angewiesen - durchschaut nicht, dass das freundliche Entgegenkommen des Regulierungsbeauftragten nicht dem Wunsch zur Hilfeleistung entspringt, sondern dem Versicherungsinteresse zur größtmöglichen Reduzierung der Versicherungsleistung.

Der geschädigte Verbraucher muss daher wissen 

* dass das freundliche Angebot der Kontaktperson beim Versicherungsunternehmen, den Schaden "schnell und unbürokratisch" abzuwickeln und 

* dem Geschädigten dafür einen Sachverständigen und sonstige Hilfspersonen zu vermitteln

allein den Zweck verfolgt, den geschädigten Versicherungsnehmer zu einem unfreiwilligen Verzicht auf berechtigte Ansprüche zu veranlassen.

Daher sollte der Verbraucher beachten:

1. Zur Schadensfeststellung von der Versicherung empfohlene Sachverständige, Architekten und sonstige Dienstleister zur Feststellung der Schadenshöhe stehen regelmäßig "im Lager" der Versicherung. Sie sind daher keine unabhängigen und objektiven Berater des Versicherungsnehmers, sondern sind wegen ihrer ständigen Beauftragung durch die Versicherung Dienstleister, die sich im Zweifel immer zu Gunsten ihres Auftraggebers entscheiden werden. 

2. Bei bestimmten von der Versicherung empfohlenen Sachverständigen und Dienstleistern handelt es sich sogar um Gesellschaften, die von den Versicherungsgesellschaften selbst gegründet worden sind, aber Firmenbezeichnungen und Namen tragen, die auf diesen Umstand nicht hinweisen. Es liegt auf der Hand, dass solche "Dienstleister" für den geschädigten Versicherungsnehmer völlig untauglich sind, wenn es darum geht, seinen Schaden und damit die Leistungsverpflichtung der Versicherung zu ermitteln. 

3. Wichtigste Verhaltensregel ist daher für den Versicherungsnehmer, den Schaden selbst durch unabhängige Sachverständige ermitteln zu lassen, die nicht von einem Regulierungsbeauftragten der Versicherung empfohlen sind und sich zu vergewissern, dass der Beauftragte in keinem Auftragsverhältnis zu der Versicherung steht. 

4. Keinesfalls sollte man im Schadensfall voreilig und aufgrund von bloß groben Schadensschätzungen in Regulierungsverhandlungen mit der Versicherung eintreten, sondern erst dann, wenn der Schaden schon möglichst genau der Höhe nach durch einen unabhängigen Berater ermittelt worden ist. Grobe Schadensschätzungen sind nämlich meist um 50 % bis 100 % zu niedrig, insbesondere wenn die Schätzung von der Versicherung oder einem von ihr empfohlenen Sachverständigen stammt.Eine solche - fehlerhafte - Grobschätzung führt aber immer dazu, dass der daraus sich ergebende (zu niedrige) Betrag von der Versicherung als zentraler Ausgangspunkt für die Schadensregulierung genommen und dann bei den Vergleichsverhandlungen regelmäßig zu einem zu niedrigen Regulierungsergebnis aus Sicht des Verbrauchers führen wird. 

5. Besonders bei größeren Schäden, etwa bei Wasserschäden in Haus und Wohnung und bei Brandschäden sollte unbedingt ein Anwalt und ein unabhängiger Sachverständiger eingeschaltet werden, auch wenn solche Kosten nicht immer vom Versicherungsumfang umfasst sind; diese Dienstleister werden ihre Kosten regelmäßig über die Durchsetzung des berechtigten Versicherungsanspruchs wieder hereinspielen.

Grundsatz ist: lassen Sie sich durch Freundlichkeit und scheinbare Hilfsbereitschaft bei der Schadensregulierung nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der Versicherung darum geht, aus der Schadensregulierung so günstig wie möglich herauszukommen.

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